Reiche Menschen unterschätzen ihren ökologischen Fußabdruck

Eine im Fachblatt Nature Climate Change ver��ffentlichte Studie unterstreicht, dass die CO2 -Emissionen der Reichsten oft unterschätzt und die der Ärmsten oft überschätzt werden. Hinzu kommt, dass die Kategorie der Reichsten die ungleiche Verteilung der Emissionen tendenziell nicht im Grundsatz unfair findet.

Die Bedrohungen durch den Klimawandel betreffen uns alle!

Reiche verursachen mehr- und Arme weniger Emissionen von CO2 , als beide Guppen selbst einschätzen. Zu diesem Ergebnis kommen die Autorinnen und Autoren der Studie »Underestimation of personal Carbon Footprint Inequality in four diverse countries«. Die Studie entstand in Zusammenarbeit der University of Cambridge, der Copenhagen Business School und der Universität Basel.

Breite Befragungsbasis

Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler befragten ca. 4000 Personen aus vier verschiedenen Ländern. Dabei fanden sie Erstaunliches heraus. Den meisten Befragten war nicht bewusst, wie groß der Unterschied zwischen dem CO2 -Ausstoß von reicheren und dem von ärmeren Menschen ist – egal ob im eigenen oder in fremden Ländern.

Innerhalb der Welt der Klimawissenschaft wird oft kritisiert, dass das Konzept des persönlichen CO2 -Fußabdrucks – also wie viel Kohlenstoffdioxid man selbst pro Jahr in die Atmosphäre entlässt – eine Finte der fossilen Industrie sei. Dieses diene nur, strukturelle Veränderungen hinauszuzögern, die den Profiten des fossilen Oligopols schaden könnten. Die an der Studie Beteiligten betonen jedoch, dass das Konzept des persönliche CO2-Fußabdrucks dennoch hilfreich sein könnte.

Verlagerung der Verantwortung ist problematisch

Das Pendel für die Verantwortung der Verringerung von Treibhausgasemissionen schwingt immer zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hin und her. Einer der Autoren, Ramit Debnath von der Universität Cambridge, erklärt die Intention der Studie wie folgt:

Der persönliche CO2 -Fußabdruck kann … die großen Ungleichheiten innerhalb und zwischen den Ländern veranschaulichen und den Menschen zu erkennen helfen, wie sie klimafreundlicher leben können.

Unter den Befragten waren je etwa 1000 Personen aus Dänemark, Indien, Nigeria und den USA. Damit wollten die Forschenden verschiedenste Nationen und Sozialschichten abbilden. Um dies noch mehr zu präzisieren, wählten sie die Teilnehmenden auch aus der Gruppe der Spitzenverdiener – also den zehn Prozent mit den höchsten Einkommen – und aus den restlichen 90 Prozent des jeweiligen Landes aus. Insbesondere die Gruppe der Spitzenverdiener war in bisherigen Studien kaum vertreten. In der neuen Studie macht der reichere Teil nahezu die Hälfte der Befragten aus.

Ungleichheit unterschätzt

Die Forschenden wollten zunächst wissen, wie die Befragten die Größe des persönlichen CO2 -Fußabdrucks von drei verschiedenen Einkommensschichten im eigenen Land einschätzten: den Abdruck des obersten einen Prozents, der obersten zehn Prozent und der unteren 50 Prozent.

In jedem Land überschätzten die meisten der Befragten die Emissionen der unteren 50 Prozent und unterschätzten die des höchsten einen und die der höchsten zehn Prozent. Am stärksten war die Fehleinschätzung der Ungleichheit der Emissionen in Indien.

In Indien sind die Emissionen des einkommensreichsten Prozents der Bevölkerung pro Person mehr als 32-mal so groß als bei den unteren 50 Prozent.

In den USA dagegen emittiert das oberste Prozent etwa 28-mal so viel Treibhausgase pro Kopf als die unteren 50 Prozent.

Sozioökonomische Umstände und politische Einstellung

Die Teilnehmenden der Umfrage wurden auch nach ihren sozioökonomischen Umständen und ihren politischen Einstellungen gefragt. Es stellte sich heraus, dass Menschen, die politisch eher dem rechten, konservativen Spektrum zuzurechnen sind, das Ausmaß der Ungleichheit der Emissionen stark unterschätzten.

Ferner untersuchten die Forschenden, wie die Einschätzung der Ungleichheit der Emissionen zwischen den verschiedenen Einkommensgruppen mit den Themen Klimaschutz bzw. Klimagerechtigkeit zusammenhängt. Teilnehmende an der Studie, welche die Ungleichheit unterschätzten, zeigten im Durchschnitt auch weniger Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen.

Auffallend war es für die Wissenschaftler, dass in Indien die Befragten aus den höchsten zehn Prozent Klimaschutzmaßnahmen ausdrücklich stark unterstützten.

Kristian Steensen Nielsen, Studienautor und Verhaltensforscher an der Copenhagen Business School, erklärte dazu:

Ärmere Menschen haben unmittelbarere Sorgen, etwa wie sie ihre Miete zahlen oder ihre Familien unterstützen können.

Quer durch alle Einkommensgruppen wünschten sich die Menschen echte Lösungen für die Klimakrise. Nielsen betonte:

Die Menschen mit dem größten CO2 -Fußabdruck tragen jedoch die größte Verantwortung dafür, ihren Lebensstil zu ändern und ihren Fußabdruck zu verringern.

Fairness der Emissionen

Die Teilnehmenden wurden nach der Befragung auch über die tatsächliche Verteilung der Emissionen zwischen den Einkommensgruppen in ihren jeweiligen Ländern aufgeklärt. Daraufhin wurden sie nach der Fairness dieser Verteilung gefragt.

Im Durchschnitt fanden die Befragten in allen Ländern die wirkliche Verteilung eher unfair, insbesondere in Dänemark und den USA.

Die Forschenden fanden aber bei den Befragten mit den höchsten zehn Prozent der Einkommen heraus, dass sie die wirkliche Verteilung der Emissionen durchaus fairer bewerteten als jene aus den unteren 90 Prozent.

Nach Meinung von Ramit Debnath könnte diese Haltung daran liegen, dass diese Gruppe versuche, ihren größeren CO2 -Fußabdruck zu rechtfertigen. Debnath dazu:

Diese Länder sind sehr unterschiedlich. Wir haben aber festgestellt, dass die Reichen überall ziemlich ähnlich sind und dass ihre Sorgen andere sind als die der übrigen Gesellschaft.

Die Forschenden betonen, wie wichtig die Verbindung zwischen der Wahrnehmung der CO2 -Emissionen verschiedener Bevölkerungsgruppen und den eigenen Einstellungen gegenüber Klimaschutzmaßnahmen sei.

Sie heben hervor, dass es nicht einfach sei, Emissionen richtig einzuschätzen. Sie zitieren Studien, die verschiedene Formen eines Irrglaubens in Bezug auf die Emissionen von unterschiedlichen Verhaltensweisen aufzeigten.

So würden zum Beispiel die Emissionseinsparungen durch das Abschalten künstlicher Beleuchtung, von Recycling oder der Reduktion von Plastikverpackungen oft überschätzt werden. Dagegen werde der CO2 -Ausstoß durch Fleischkonsum, Flugreisen und Klimaanlagen fast generell unterschätzt werde.

Aufgrund ihres größeren finanziellen und politischen Einflusses spiegeln die meisten klimapolitischen Maßnahmen die Interessen der Reichsten in der Gesellschaft wider und beinhalten nur selten grundlegende Änderungen ihres Lebensstils oder ihres sozialen Status,

betonte Debnath bei der Präsentation der Studie. Nielsen ergänzte:

Eine stärkere Sensibilisierung und Diskussion über die bestehenden Ungleichheiten beim persönlichen Kohlenstofffußabdruck können dazu beitragen, politischen Druck aufzubauen.

Durch die darauffolgenden politischen Entscheidungen könnten diese Ungleichheiten beseitigt- und Klimalösungen entwickelt werden, die allen zugutekommen.

Link zur Studie

https://www.nature.com/articles/s41558-024-02130-y